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Marco Russ
Im Leben zurück
Thomas Kilchenstein
Trainiert in Abu Dhabi im roten Bereich: Marco Russ schuftet nach seiner Krebserkrankung für ein Comeback.
 Foto: jan Hübner
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Marco Russ unternimmt nach seiner Krebserkrankung den Versuch, wieder richtig Fußball zu spielen.

Es gibt Dinge im neuen Leben des Marco Russ, die regen ihn nicht mehr auf. Muskelkater zum Beispiel. Schmerzende Glieder. Oder auch: Schaffe ich es bis zum nächsten Spiel. Was waren das doch für immens wichtige Themen. Damals.

Damals, als die Welt des Marco Russ noch intakt war. Sie war es, bis zum 18. Mai des vergangenen Jahres. Da war nichts mehr so, wie zuvor. Da kam der Hammer.

Unbeschwert war sie, diese kleine Welt des Fußballers, trainieren, fit sein, grätschen, eher am Ball sein. Sie war sehr überschaubar. Alles war dem mittlerweile 31-Jährigen scheinbar zugeflogen. Der Junge aus Großauheim bei Hanau konnte gut kicken, Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen sorgte als eine seiner ersten Amtshandlungen zu Beginn dieses Jahrtausends dafür, dass Marco Russ einen Profivertrag erhielt. Sein Vater war noch bei den ersten Verhandlungen dabei, Friedhelm Funkel der Trainer der Eintracht. So lange spielt Russ schon in Frankfurt.

Und es ging steil bergauf, Russ avancierte zu einem etablierten Bundesligaspieler, er machte 256 Spiele für die Hessen und 24 nach seinem verunglückten Wechsel für den VfL Wolfsburg. Er ist ein rustikaler Verteidiger, der nicht das Florett führt. Marco Russ ist ein Mann, mit dem man Spiele gewinnt, aber keine Schönheitspreise. Und er ist keiner für den diplomatischen Dienst. Er sagt, was er denkt, und er sagt es auch, wenn er vorher nicht nachgedacht hat. Etwa als er Eintracht-Legende Jürgen Grabowski als „Vollexperten“ schalt, der „1920 Fußball gespielt hat“ und ihm empfahl, sich mit öffentlicher Kritik gefälligst zurückzuhalten. Russ hat sich selten einen Kopf gemacht, er hat in den Tag gelebt, unbeschwert, er hat das Leben leicht genommen, und sich lieber noch ein Tattoo gestochen, sofern auf seinem Körper dafür ein Platz gefunden wurde, warum auch nicht. Er sei „ein guter Junge“, aber auch „phlegmatisch, privat wie auf dem Platz“, hatte ihn Bruchhagen einst umschrieben. Einen Strafzettel bezahlte er drei Jahre lange nicht, bis er 160 000 Euro kostete, nachdem er die Gerichtverhandlung schwänzte.

So ist der Marco. Und so wäre sein Leben normalerweise weitergegangen.

Doch dann kam dieser Tag Mitte Mai, als nach diversen Dopingkontrollen bei Marco Russ dramatisch erhöhte Werte des Wachstumshormons HCG festgestellt worden waren. Erst stand der Verdacht im Raum, der Abräumer habe verbotene Substanzen zu sich genommen, schnell aber war klar: Es ist ernster. Viel ernster. Es ist Hodenkrebs.

Doch Marco Russ reagierte wie ein Fußballer. Abends stand ein wichtiges Spiel für Eintracht Frankfurt an, das erste Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Er sei schon „im Tunnel“ gewesen, erzählte er später, es sei für ihn klar gewesen zu spielen, trotz der niederschmetternden Diagnose. Am Abend fabrizierte der Frankfurter Bub ein Eigentor, „so was passiert“, sagt er jetzt, acht Monate später. „Es war ja nicht mein erstes Eigentor.“

Zudem sah er eine Gelbe Karte zu viel. Für das Rückspiel war er gesperrt. Statt mit der Mannschaft die Klasse zu retten, rettete Marco Russ sein Leben. Am Morgen des Spiels wurde er operiert. Später sollte er der FR in seinem ersten Interview nach der OP erzählen, wie dicht er am Tod vorbeigeschrammt war: „Es war kurz vor knapp und nicht so, dass man die Operation hätte verhindern können.“

„Ich genieße jetzt das harte Training“

Knapp acht Monate später sitzt Marco Russ im Trainingscamp mit Eintracht Frankfurt im luxuriösen Abu Dhabi. Die Trainingseinheit ist gerade vorbei, Russ ist zum Pressegespräch geladen. Er muss jetzt Fragen zu seinem Fitnesszustand, zur Belastung beantworten, Prognosen abgeben, wie die Eintracht die Rückrunde abschließt.

Und zum Muskelkater.

Was ist schon ein Muskelkater gegen das, was er im letzten halben Jahr ausgehalten hat. Zwei Chemotherapien, die ihn sehr geschlaucht hatten, diese immense körperliche Mattigkeit, tagelang hat er im Bett gelegen, hat sich komplett zurückgezogen. Was anderes ging ja nicht. Die Familie ist zusammengerückt, vorher hatte es Spannungen gegeben, auch das war auf einmal in den Hintergrund gerückt. Den beiden kleinen Kindern hat Russ die Wahrheit gesagt, Papa sei schwer krank. Man sei an „die Dinge positiv herangegangen“, erzählt Russ. „Humor hilft gegen Krebs.“ Er hat sich auseinandergesetzt mit der Krankheit, mit seinem Leben, Zeit war genug. Zum Saisonauftakt im Sommer im Stadion erschien Marco Russ mit Glatze, für viele ein Schock. Aber er war wieder da – auch wenn es ihm nicht gut ging damals.

Mitte Oktober kam dann die ersehnte Nachricht: Der Krebs ist besiegt, Russ gilt als vollständig geheilt. Und der Spieler, dessen Vertrag vorzeitig bis 2019 verlängert wurde, macht sich auf, ein Comeback zu versuchen. Das Ziel war schnell gesteckt: Abu Dhabi.

Das hat er geschafft. Marco Russ ist zurück, zurück im Leben, zurück auf dem Fußballplatz. Zu Beginn des Jahres kam das „Go“ der Ärzte, „die Blutwerte sind alle top“, sagt Russ. Alle drei Monate muss er sich intensiv untersuchen lassen. Aber er kann wieder Fußball spielen. Wann das sein wird, ist offen. „Ich bin noch lange nicht auf dem Level der Mannschaft“, er merkt selbst, was ihm noch alles fehlt, und es ist nicht nur Kondition, Kraft und Spritzigkeit. Auch taktisch muss Russ vieles neu lernen, es gibt unter Trainer Niko Kovac andere Laufwege, andere Automatismen. Russ muss schwer kämpfen, „er trainiert im roten Bereich“, hat dieser Tage Sportvorstand Fredi Bobic gesagt. Vielleicht schafft er es in der Rückrunde noch mal in den Kader, sicher ist das nicht.

Marco Russ hat sich für sein Comeback keinen Zeitrahmen gesetzt. Das ist vernünftig. Die Sichtweise hat sich verändert. Was sind schon ein paar Wochen? Als es ihm dreckig ging, „hat mich der Fußball gar nicht interessiert. Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit, alles andere ist zweitrangig.“ Das ist eine profane Erkenntnis, sie kommt einem nur, wenn es einem schlecht geht. Er weiß die Dinge jetzt anders einzuschätzen, die Prioritäten sind andere. „Ich genieße jetzt das harte Training.“

In seinem alten Leben hätte sich Marco Russ nicht vorstellen können, das jemals zu sagen.

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