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Busfahrer-Streik
„Leider Gottes bin ich Busfahrer“
Steven Micksch
Verdi-Fachbereichsleiter Ronald Laubrock appelliert an den Durchhaltewillen der streikenden Fahrer im Busdepot am Römerhof.
 Foto: peter-juelich.com
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Die Busfahrer in Frankfurt streiken auch am zweiten Tag unvermindert weiter. Sie machen ihrem aufgestauten Unmut Luft. Zwei Dinge stören sie am meisten.

Im ICB-Betriebshof am Römerhof stehen die Busse am Dienstagmorgen still. Grund ist keineswegs der Schnee, der zentimeterhoch auf Karossen und Straßen liegt und beständig vom Himmel fällt. Vielmehr liegt es am andauernden Streik der hessischen Busfahrer. Trotz der Kälte haben sich wieder zahlreiche Busfahrer am Pförtnerhäuschen eingefunden – circa 30 sind es gegen acht Uhr. Die Stimmung unter den Kollegen ist gut, kommt das Thema aber auf die Arbeitsbedingungen zu sprechen, wird der Ton rauer – und lauter.

„Leider Gottes bin ich seit 17 Jahren Busfahrer“, sagt einer der Männer. Seinen Namen will er nicht nennen. „Sonst habe ich nach dem Streik gleich ein Gespräch.“ Das Arbeitsklima liege unter null. Dann erzählt er von den täglichen Fahrten. Dass er Pausen nach Beendigung einer Fahrt habe. Hat der Bus allerdings Verspätung, fallen sie flach. Nicht einmal Zeit, um auf Toilette zu gehen, habe er. „Wir haben keine Pause, trotzdem bekommen wir in den Pausenzeiten kein Geld. Wo ist das Geld?“ Die Menschentraube um den Mann wird größer. Jetzt kommen die Fahrer auf das Gehalt zu sprechen.

„Meine Frau bekommt 14,21 Euro pro Stunde – und hat keinerlei Verantwortung“, ruft ein Mann. Auch andere fangen an, Beispiele aufzuzählen. „Nur in Hessen ist das so“, sagt ein anderer aufgebracht.

Die Entlohnung sei nicht gerecht, da sind sich alle einig. „Wir arbeiten 200 Stunden, bekommen aber nur 175 bezahlt. Wir wollen nicht mehr, wir wollen das bezahlt bekommen, was wir auch wirklich arbeiten.“

Plötzlich fahren zwei Busse aufs Gelände. Die Streikenden schauen sich um – Streikbrecher? „Das sind nur Messefahrten“, kommentiert ein älterer Mann mit Schirmmütze. Alle sind beruhigt und diskutieren weiter. Auch über die Leidtragenden: die Fahrgäste. „Die meisten von uns haben auch Kinder, wir sind ebenfalls betroffen und müssen sie selbst zur Schule bringen. Aber es geht nicht anders, der Streik ist notwendig“, bekräftigt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will.

Ugur Birsin arbeitet bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF), die die Straßen- und U-Bahnen betreibt. Eigentlich hat er Urlaub. „Aber ich bin zur Unterstützung der Kollegen gekommen“, sagt er. Der Lohn sei viel zu niedrig und die Fahrer blieben auf der Strecke bleiben – viele müssten sogar zusätzlich Sozialleistungen beantragen, um über die Runden zu kommen. „Ich war früher selbst hauptberuflich Busfahrer. Die Kollegen hier sind meine Ersatzfamilie.“

Als Verdi-Fachbereichsleiter Ronald Laubrock das Wort ergreift, verstummen die Busfahrer. „Ich bin stolz auf die überragende Beteiligung. Kein Bus fährt heute raus.“ Dann schwört er die Männer ein: „Wir müssen einen langen Atem haben. Wenn wir es jetzt nicht drehen, haben wir in den nächsten Jahren weiter schlechte Bedingungen.“ Er spricht von den Kernforderungen, die unverhandelbar seien und mahnt auch, nicht enttäuscht zu sein, wenn nicht alle gestellten Forderungen in dieser Tarifrunde durchgesetzt werden könnten. Als er fertig ist, bricht Jubel aus. Ein Fahrer macht mit einer Ratsche ordentlich Krach. Die empfindliche Alarmanlage heult wegen des Lärms auf. Die Männer lachen. Die Stimmung ist gut.

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