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Mauersegler-Jahresbilanz
Ein Heim für Mauersegler
Thomas Stillbauer
Nur für ein Vierteljahr lang in unseren Gefilden zu bewundern: Mauersegler beim Start aus dem Nistplatz.
 Foto: Michael Schick
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2016 entstanden in Frankfurt so viele Mauersegler-Nistplätze wie nie zuvor. Viele Vögel müssen noch in der Klinik behandelt werden - aber wie kommen sie dann in den Süden?

In dieser Jahreszeit denkt man ja gern an jene, die weggeflogen sind, und hofft, dass sie bald wiederkehren. Zum Beispiel an Tante Luna und Onkel Jo (Kanarische Inseln), den Weihnachtsmann (Finnland), aber auch an die Mauersegler. Im Sommer versüßen sie uns mit ihren „Sriiii!“- Rufen und tollen Flugformationen die Abende, im Winter urlauben sie im Süden Afrikas.

In Frankfurt aber gibt es liebe Leute, die schon für ihre Rückkehr im Frühling arbeiten; dann brauchen die Mauersegler nämlich Nistplätze, weil sie hier ihren Nachwuchs bekommen. Ingolf Grabow baut ihnen Häuser. Und manche Segler haben den Abflug noch gar nicht geschafft; sie kurieren noch Krankheiten und Verletzungen aus. Christiane Haupt hilft ihnen dabei. Beide zusammen sind mit ihrer Mauersegler-Initiative die wichtigsten Freunde der gefiederten Weltbürger.

So viele Nistplätze wie nie zuvor sind 2016 in Frankfurt und Umgebung für Apus apus neu entstanden: 426 an 44 Immobilien. Macht seit dem Beginn im Jahr 2003 insgesamt 2744 Nistplätze. „Mittlerweile ist unsere Mauersegler-Initiative stadtbekannt“, berichtet Grabow. Viele Leute fordern: „Wir möchten Segler am Haus haben!“ Erst jüngst hat eine Schule neue Nistplätze bekommen – dort könnte eine Schüler-AG bald ein Vogel-Monitoring machen.

In schwindelnde Höhe begeben sich die Helfer, in den 14. Stock in Niederrad oder auf den Turm der Gethsemane-Kirche im Nordend. Da entstanden Nistkästen extra mit Schrägdach. Das Mauersegler-Hotel am Heddernheimer Bunker hat bereits 32 erfolgreiche Bruten erlebt. „Wohl Frankfurts größte Mauersegler-Kolonie“, freut sich Grabow. An der Fürstenbergerstraße gelang es ihm in sensiblen Verhandlungen, acht neue Nistplätze an ein saniertes Haus zu montieren. Ein besonderer Ort: Da hatte sich Carl Scherrer, der große Frankfurter Umweltschützer, bis zu seinem Tod 2015 an den kleinen Flugkünstlern erfreut. Im Riederwald schuf die Initiative mit der Baugenossenschaft an zehn Gebäuden seit 2011 bereits 118 Mauersegler-Nistplätze, besiedelt von Seglern, Meisen und Spatzen. Und am Neubau des Historischen Museums steht dem Einzug in die 48 Nistplätze im Frühjahr nichts mehr im Wege.

Weniger rosig sieht es für die rund 100 Vögel aus, die in der Mauerseglerklinik in Griesheim ihrer Genesung harren. Immerhin, sie sind in erfahrener Obhut. Christiane Haupt, die Tierärztin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler, hat in diesem Jahr mit ihren ehrenamtlichen Helfern wieder rund 700 Vögel behandelt und, soweit möglich, zurück in die Freiheit gebracht. Bei manchen war besonderer Aufwand nötig: Weil sie nicht zur Flugsaison in Deutschland fit wurden, brachte die Klinikchefin sie persönlich nach Fuerteventura – im Flugzeug. Und nicht nur einmal.

Die Geschichten der einzelnen Vögel – jeder bekommt einen Namen – sind oft anrührend, mitunter erschütternd. So wurde Bunny von Nacktschnecken eingeschleimt, Hadrian verklebte sich mit flüssigem Baumharz; beide mussten aufwendig von der klebrigen Masse befreit werden, ebenso Xander, der in Teer feststeckte.

Manche Segler trifft der Blitz, andere geraten zwischen zwei Fensterscheiben, in Lüftungsschächte, Fallrohre, auf Schreibtische und in Friseursalons. Aus ganz Europa schicken die Retter sie schließlich nach Frankfurt in die weltweit renommierte Mauerseglerklinik. Dort beherrscht Christiane Haupt wie keine Zweite die Technik, zerstörtes Gefieder durch Transplantationen zu ersetzen. Die kleinen Patienten lernen anschließend im Trainingszimmer wieder das Fliegen und werden am Ende triumphal in ihr Element entlassen. Wer das Glücksgefühl erlebt hat, einen an sich todgeweihten Mauersegler wieder in die Höhe schießen zu sehen, der wird das nicht vergessen – und die Arbeit der Helfer umso höher schätzen.

Alle Jahre wieder appellieren sie: Bei Haussanierungen, bei Neubauten – bitte an Nistplätze für Mauersegler denken. Beim laufenden Umbau der Senckenberg-Gebäude hätten sich die Freunde der Segler etwas mehr erhofft. Bisher gebe es nur wenige Einfluglöcher im Turm der Sternwarte, sagt Grabow. Dabei werde es auch bleiben, sagt Gerd Mangel, Projektleiter beim laufenden Ausbau des Senckenberg-Forschungsinstituts: „Wir haben in der Planungsphase auf Anfragen zur Schaffung von Nistplätzen für Mauersegler reagiert und vier Nistplätze in den Turm der Sternwarte eingebaut. Weitere Nistplätze können aus Gründen des Denkmalschutzes und der besonderen Dachkonstruktion leider nicht geschaffen werden.“

Freunde der Gefiederten Die Vogelschutzwarte – was macht die eigentlich? Leiterin Dagmar Stiefel hat es zum Jahreswechsel in einem Brief festgehalten: Unter anderem erarbeitete das Team in Fechenheim zwei Artenhilfskonzepte für Hessen (Wiedehopf und Rebhuhn), betreute knapp 50 Werkverträge zum Vogel-Monitoring, beriet in Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz viele Fragesteller im Zusammenhang mit neuen Windenergieanlagen. Zu 55 Veranstaltungen der Umweltbildung kamen fast 1000 Kinder in die Vogelschutzwarte. Etwa 1200 Anfragen per Telefon, Brief oder E-Mail gab es zu beantworten, davon rund 900 von Bürgern, Verbänden oder Behörden. Jeweils etwa 100 ausführliche Stellungnahmen und Berichte gingen an andere Behörden. Und 130 Mal gaben die Mitarbeiter Informationen aus der hessischen „Landesdatenbank Vögel“ heraus, die mittlerweile 750 000 Datensätze umfasst.
Landstrecken-Flieger Und Mauersegler – was können die? Zum Beispiel lang in der Luft bleiben. Apus apus, so der lateinische Name, fliegt nonstop von Frankfurt nach Mosambik und landet ausschließlich, um zu brüten und den Nachwuchs zu füttern. In 20 Lebensjahren fliegt er an die vier Millionen Kilometer – knapp 100 Mal um die Erde. (ill)
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