In Mecklenburg-Vorpommern liegt das Korn seit dem schweren Unwetter vor wenigen Tagen am Boden, die Felder sind nicht befahrbar, sogar das Gras fault. „Qualität und Quantität werden mit jedem Tag schlechter“, sagt der Geschäftsführer des Landesbauernverbands, Martin Piehl.
Aber auch andernorts, ob in Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt, sieht es kaum besser aus: Das trockene Frühjahr hatte bereits für eine mickrige Ernte bei den Futtermitteln Grassilage und Heu gesorgt, und der Regen des Sommers konnte nur selten den Aufwuchsrückstand bei Gerste und Weizen aufholen. Denn das Getreide hatte nach einem bereits ungünstigen, weil nassen Herbst im trockenen Frühling weniger Halme und damit weniger Ähren ausgebildet. Mancherorten nur 400 je Quadratmeter statt sonst 550.
Tierzucht und Biosprit benötigen Getreide
Die Folge: Regional bis zu 50 Prozent weniger Gerste, ein Fünftel weniger Weizen und bis zu einem Drittel weniger Raps als in den Vorjahren. Nur Mais konnte vom Juli-Regen profitieren. Der Deutsche Bauernverband rechnet damit, dass die deutschen Bauern dieses Jahr nur 41 Millionen Tonnen Getreide von den Äckern holen, vergangenes Jahr waren es noch 44 Millionen Tonnen. 2008 und 2009 waren es jedoch um die 50 Millionen und damit fünf Millionen mehr als im langjährigen Mittel. Ganz anders die Schätzung der EU: Sie glaubt – mit Ausnahme bei der Gerste – nicht an die deutschen Tatarenmeldungen und sieht die Ernte hierzulande wie in der gesamten EU über dem Vorjahresergebnis.
Doch viele Analysten sind da skeptischer: Denn eine Hitzewelle in den USA, Dürre in Frankreich, Überflutungen in Kanada und Trockenheit im Frühjahr in den wichtigsten Weizenanbaugebieten Chinas drücken auf die diesjährige globale Erntemenge. Allerdings läuft es nicht überall in dieser Saison mies für Bauern der Erde. Deshalb sehen die Schätzer des internationalen Getreiderates (IGC) in London und der US-Landwirtschaftsbehörde USDA etwa die Prognose für die Weizenernte der laufenden Saison mit weltweit 674 Millionen Tonnen um vier Prozent über dem Vorjahresergebnis.
Tierzucht und Biosprit benötigen Getreide
Der IGC gibt dennoch keine Entwarnung: Die Lage bleibe angespannt, denn die höhere Ernte werde von einem noch stärker ansteigenden Konsum mehr als absorbiert. Hauptgrund: Die Menschen essen mehr Fleisch, dafür wird mehr Getreide als Tierfutter benötigt. Dazu kommt die Konkurrenz zu den Biospritpflanzen. Der Saldo bleibt also negativ.
Dass die Weltmarktpreise darauf derzeit nur wenig reagieren, hängt damit zusammen, dass wichtige, aber zuletzt ausgefallene Exporteure an den Markt zurückkehren: So steht Indien vor einer Rekordernte, sogar der Iran will exportieren, vor allem aber Russland, die Ukraine und Kasachstan ernten reichlich und schicken Weizen auf den Weltmarkt. Die Ukraine allein will dieses Jahr wieder mehr als 20 Millionen Tonnen ausführen.
Das sah vor einem Jahr noch ganz anders aus: 2010 war Russland infolge einer katastrophalen Dürre als Lieferant komplett ausgefallen. Auch die Ukraine hatte den Export kontingentiert. Was die Preise fast auf das Niveau von 2007/2008 in die Höhe schießen ließ.
Dies, so Rohstoffanalyst Eugen Weinberg von der Commerzbank, habe weniger etwas mit der tatsächlich ausgefallenen Menge zu tun gehabt, sondern mit dem davon ausgehenden psychologischen Signal, wonach die Ware knapp werden könnte. Inzwischen werde Russland wieder mehr als 90 Millionen Tonnen Getreide ernten, darunter 58 Millionen Tonnen Weizen – was den Eigenbedarf bei weitem übertrifft.
Nach den USA und der EU lag Russland, Exporteur erst seit 2001, oft gemeinsam mit Australien und Kanada auf Platz drei der Getreideüberschussländer. In der Spitze schickte Moskau 19 Millionen Tonnen Getreide auf den Weltmarkt. Nach der Dürre von 2010 dehnte Russland die Anbaufläche um zehn Prozent aus. Vor allem Winterweizen hat sich nun prächtig entwickelt. 2009 hatte Russland rund 97 Millionen Tonnen Getreide geerntet, 2010 kaum mehr als 60 Millionen Tonnen. Angesichts des Eigenbedarfs von 78 Millionen Tonnen musste Moskau auf eigene Reserven zurückgreifen.
Am derzeitigen Preisniveau wird sich nach Ansicht von Weinberg zunächst nur wenig ändern. Viele Ängste seien längst „eingepreist“. Im vergangenen Winter allerdings war der Weizenpreis wegen der russischen Lücke zunächst in die Höhe geschossen. Nach der angekündigten Aufhebung des Exportbanns Anfang Juni fiel er deutlich und liegt seither zwischen 190 und 200 Euro je Tonne.
Weizenpreis wird vermutlich steigen
Dabei wird es womöglich kaum bleiben, gibt der Analyst die Erwartung der Märkte wieder. Die sähen den Weizenpreis für die nächsten Monate um 20 Prozent über dem jetzt erklommenen Niveau. Langfristig geht es ohnehin nach oben: Preisanstiege erwartet der Experte vor allem bei den Futterarten Soja und Mais. Was mit den veränderten Essgewohnheiten etwa der Chinesen zusammenhänge. „Die wollen mehr Fleisch“, so Weinberg. Auch die wachsende Erdbevölkerung und die steigende Nachfrage nach Biospritpflanzen würden dafür sorgen, dass die Preise vor allem für Mais und für Zucker steigen – mit dem Weizenpreis im Gefolge.
Denn die Fachleute der Welt-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO oder auch des bundeseigenen Thünen-Instituts gehen seit langem davon aus, dass der Energiehunger der Welt die Nachfrage nach Agrarrohstoffen anheizt – und damit die Preise klettern.
So beziffert Weinberg den jährlichen Nachfragezuwachs beim Öl auf 0,7 Prozent. Bei Biokraftstoffen aber liege er zehnmal so hoch.



