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Amoklauf
Die Konsequenzen nach Newtown
Damir Fras
Eine Polizistin bringt Blumen zum Gedenkort vor der Sandy-Hook-Grundschule.
Foto: dapd
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Kein Amoklauf konnte die Amerikaner bislang davon überzeugen, ihre laxen Waffengesetze zu verschärfen. Doch das Massaker von Newtown könnte das ändern.

Piers Morgan fährt gewöhnlich nicht leicht aus der Haut. Doch als dem sonst so launigen Talkmaster des US-Senders CNN jetzt zwei Vertreter der mächtigen Waffenlobby gegenübersaßen, verlor er kurz die Contenance. „Da nimmt so ein Kerl die Waffen seiner Mutter, geht in eine Schule und tötet diese Kinder“, rief Morgan wütend. „Und sie wollen mir erzählen, dass die Antwort noch mehr Waffen sind? Das ist verrückt!“ Wie viele Kinder müssten wohl noch sterben, bevor die Waffengesetze in den USA verschärft würden, fragte Morgan – der allerdings gebürtiger Brite ist.

Debatte über Waffengesetze

Das Massaker von Newtown hat eine alte Debatte wiederbelebt. Nach jedem Amoklauf wird in den USA gestritten, ob der einfache Zugang zu Schusswaffen nicht doch erschwert werden sollte. Das Ergebnis war bisher stets schnell zu erkennen: Es änderte sich nichts.

Dieses Mal könnte es anders sein. Denn 20 der 27 Opfer des Amokläufers von Newtown waren Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. Das könnte die gesamte Debatte verändern. Außerdem hat sich US-Präsident Barack Obama seine zweite und damit letzte Amtszeit gesichert und könnte nun, freier von politischen Zwängen, für eine Reform der laxen Gesetze eintreten.

Seine emotionale Reaktion spiegelten Schmerz und Fassungslosigkeit der Nation wider – und seine Aussagen lassen Waffengegner hoffen, dass sich der Präsident der Waffenlobby dieses Mal entschiedener entgegenstellen könnte. „Wir haben das viel zu oft durchgemacht“, hatte er gesagt. Das Land müsse etwas unternehmen, um Ähnliches künftig zu verhindern.

Obamas wichtigste Gegnerin ist dabei die National Rifle Association (NRA). Die Waffenlobby, die circa vier Millionen Mitglieder hat, tritt seit Jahren – mit Erfolg – für den Erhalt einer mehr als 220 Jahre alten Regel ein. Im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung heißt es: „Da eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“ Darauf gründet seit den Gründungstagen der USA ein verfassungsrechtlich garantierter Waffenfetisch, den 2010 selbst der Oberste Gerichtshof billigte. In fast allen Bundesstaaten – zu den Ausnahmen gehört der District of Columbia mit der Hauptstadt Washington – ist das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit erlaubt.

NRA-Chef Wayne LaPierre hat sich noch nicht zum Amoklauf von Newtown geäußert. Seine Argumentation war bisher aber stets dieselbe: Die große Mehrheit der Waffenbesitzer verhalte sich gesetzestreu und dürfe nicht für Taten von Einzelnen bestraft werden. Gesetze verhindern keine Amokläufe.

Der Beleg, sagten jetzt andere Waffenlobbyisten, sei ja gerade die Bluttat von Newtown: Das liegt im Bundesstaat Connecticut, der Waffenkäufer schärfer überprüft als andere. In der Logik der NRA heißt das: Mehr Paragrafen führen zu mehr Amokläufen, die Bewaffnung von Lehrern aber zu mehr Sicherheit.

Obama hatte bereits in der Vergangenheit mehrfach versprochen, sich für schärfere Waffengesetze einzusetzen. Nach dem tödlichen Angriff in einem Kino in Aurora im US-Staat Colorado und auch nach dem Attentatsversuch auf die Abgeordnete Gabby Giffords. Doch die von Obama vorgeschlagenen „effektiven Schritte“ kamen nie. Denn die Demokraten fürchten, mit härteren Positionen viele Wähler zu vergrämen. Laut Umfragen gibt es in mehr als der Hälfte aller US-Privathaushalte Waffen. Pro Jahr werden in Amerika circa zehn Millionen neue Waffen verkauft. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA erschossen zu werden, ist 19 Mal höher als in der Europäischen Union. Nach Amokläufen steigt die Nachfrage meist kräftig an. Auch aus Angst, dass die Bundesregierung den Waffenkauf einschränken könnte.

Obama stößt an Grenzen

Zu einem Verbot des Waffenbesitzes wird auch Newtown nicht führen. Waffengegner wollen aber zumindest den Zugang zu Schusswaffen erschweren. Immerhin wurden halbautomatische Schnellfeuerwaffen, wie sie Adam Lanza in Newtown benutzte, schon einmal aus dem Handel verbannt: von 1994 bis 2004. Zudem fordern die Kritiker, den Verkauf von Magazinen mit mehr als 100 Schuss Munition zu untersagen. Auch sollen Käufer nicht nur auf kriminelle Vergangenheit, sondern auch auf psychische Eignung getestet werden. Obamas Bereitschaft, die Waffengesetze zu verschärften, findet aber noch eine Grenze: Die Entscheidung fällt in den Bundesstaaten, nicht in Washington. Die Bundesregierung könnte allerdings zumindest den Verkauf von militärischen Gewehren untersagen.

Ob es dazu kommt, ist ungewiss. Doch der Druck auf Obama steigt. Die demokratische Kongressabgeordnete Carolyn McCarthy sagte nach dem Massaker, es sei endlich an der Zeit dafür. Wenn Obama jetzt nicht reagiere, werde sie andere Saiten aufziehen. Die Politikerin aus New York ist eine der wortgewaltigsten Waffengegnerinnen in den USA. Das hat einen persönlichen Grund: McCarthys Ehemann wurde 1993 von einem Amokläufer auf Long Islang getötet.

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