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Amoklauf in Newtown
Eltern der Opfer reden
Damir Fras
Die Eltern der getöteten Emilie, Robert und Alissa Parker, am Freitag.
Foto: dapd
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Es war das schlimmste Schulmassaker in der Geschichte der USA. 27 Menschen hat der Amokläufer Adam Lanza in Newton getötet, darunter 20 Erstklässler. Die sechsjährige Emilie war eine von ihnen.

Emilie Parker wurde nur sechs Jahre alt. Am Freitag starb das Mädchen durch die Schüsse, die Adam Lanza aus einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr auf sie abgab. Knapp 36 Stunden später spricht Emilies Vater Robbie Parker, ein 30 Jahre alter Mann, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über den Tod seiner Tochter während des schlimmsten Schulmassakers in der Geschichte der USA. 27 Menschen hat der 20-jährige Lanza in der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown im Bundesstaat Connecticut getötet, bevor er sich selbst erschoss. 20 seiner Opfer waren Erstklässler, sechs und sieben Jahre alt. Emilie, das Mädchen mit den semmelblonden Haaren, war eines davon.

Vater kämpft mit den Tränen

Es ist ein bewegender Moment, als Robbie Parker das Wort ergreift und in die zahllosen Kameras blickt, die vor ihm stehen. Er kämpft mit den Tränen. Er sagt, er wolle auch die Familie des Täters in seine Gebete einschließen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie hart diese Erfahrung für sie sein muss“, sagt der Mann. Er spricht von einer schrecklichen Tragödie die sich ereignet habe. Emilie, sagt er, sei wunderschön und blond gewesen. Immerzu habe sie gelächelt. „Sie war ein Mensch, der jeden Raum zum Leuchten bringen konnte. Für jeden Menschen fand sie ein nettes Wort.“ Dann wechselt Parker in die Gegenwartsform, als habe er noch immer nicht begriffen, dass Emilie tot ist. Er sagt: „Sie ist ein unglaublicher Mensch. Und ich bin so gesegnet, dass ich ihr Vater bin.“

Am Tag nach dem Massenmord suchen die Menschen in Newtown nach einer Antwort. Wie konnte es sein, dass Adam Lanza, der zurückhaltende, scheue und ein wenig merkwürdige Junge aus der Yogananda Street, zum Amokläufer wurde? Doch eine Antwort gibt es noch nicht, es gibt nur schreckliche Details einer Bluttat, die bislang noch nicht zu erklären ist.

Bis zu elf Schusswunden

Am Nachmittag veröffentlichen die Behörden eine Liste mit den Namen der Opfer. Wayne Carver, der Chef der Gerichtsmediziner im Bundesstaat Connecticut, gibt eine Erklärung ab und sagt, so etwas Schlimmes habe er in seiner ganzen, mehr als 30-jährigen Laufbahn noch nicht gesehen. Jedes der Opfer habe zwei bis elf Schusswunden. „Alle Wunden, die ich bislang gesehen habe, wurden von dem Gewehr verursacht“, sagt Gerichtsmediziner Carver. Das Gewehr ist eine Bushmaster – eine semiautomatische Waffe, die in ähnlicher Form auch vom US-Militär benutzt wird.

Das ist der Beleg dafür, warum es Adam Lanza gelingen konnte, minutenlang wahllos auf jeden Menschen zu feuern, der ihm am Freitagmorgen in der Schule begegnete. Er habe sich, sagt die Polizei, sogar den Zugang zum Gebäude regelrecht freigeschossen. Zuvor hatte es noch geheißen, Lanza habe während seines Amoklaufs zwei Pistolen benutzt. Mit jeder Minute werden neue Einzelheiten gemeldet, die sich nicht immer schlüssig in das noch unfertige Gesamtbild einfügen.

Da ist etwa Nancy Lanza, die 52 Jahre alte Mutter des Attentäters. Sie wurde von ihrem Sohn Adam in der gemeinsamen Wohnung erschossen, bevor er sich zur Schule aufmachte. Auf sie waren das Schnellfeuergewehr und die beiden Pistolen angemeldet. Das scheint klar zu sein. Doch die Behörden wollen nicht bestätigen, dass die Frau als Kindergärtnerin an der Schule gearbeitet hat. Das immerhin hätte auf eine Verbindung ihres Sohnes zu der Schule hingewiesen, und daraus hätte sich vielleicht ein Motiv für die Tat ergeben. Auch die Meldungen, wonach Adam Lanza am Tag vor dem Amoklauf einen Streit mit einigen Angestellten der Schule gehabt haben soll, werden im Laufe des Samstags nicht erhärtet.

Lehrer werfen sich vor Schüler

Die Menschen in Newtown, dem Städtchen im Wald von Connecticut, suchen nach Antworten und bekommen sie nicht. Stattdessen immer nur neue Details eines Amoklaufs, in dem Lehrer selbstlos versuchten, ihre Schüler zu beschützen. Da ist etwa Victoria Soto. Ihr Cousin Jim Wiltsie erzählt im Fernsehsender ABC News, dass sich die 27 Jahre alte Lehrerin gewissermaßen als Schild zwischen den Schützen und die Kinder gestellt habe. „In unseren Augen ist sie eine Heldin“, sagt Wiltsie.

Die Suche nach dem Motiv von Adam Lanza ist noch lange nicht beendet. Paul Vance, Sprecher der Polizei von Connecticut, sagt zwar am Samstag, dass seine Beamte womöglich vielsprechendes Material sichergestellt hätten: „Unsere Ermittler haben sehr gute Beweisstücke gefunden, die wir nutzen können, um herauszufinden, wie und vor allem warum das alles passiert ist.“ Details will Vance nicht nennen.

Am Sonntagabend wird US-Präsident Barack Obama in Newtown erwartet, um Worte des Trostes an den Familien der Opfer zu richten. Doch die entscheidende Frage wird auch der Präsident nicht beantworten können.

Amokläufe an US-Schulen und Universitäten
Amokläufe an US-Schulen und Universitäten In den vergangenen Jahren ist es mehrfach zu Amokläufen an amerikanischen Schulen und Universitäten mit vielen Toten gekommen. Ein Überblick:
3. April 2012: Ein Amokläufer erschießt an einem christlichen Privatcollege in Kalifornien sieben Menschen. Der 43-Jährige ist ein ehemaliger Student in Oakland. Fünf Opfer sterben am selben Tag im Kugelhagel, zwei weitere erliegen später ihren Verletzungen.
14. Februar 2008: Mitten in einer Vorlesung an der Northern Illinois University rund 100 Kilometer westlich von Chicago erschießt ein 27 Jahre alter Amokläufer am Valentinstag fünf Menschen und tötet sich anschließend selbst. Bis zum Frühjahr 2007 hatte er dort Soziologie studiert. Der offensichtlich psychisch kranke Täter trug auf den Armen Tätowierungen mit Horror-Motiven.
10. Oktober 2007: Ein 14-jähriger Schüler läuft in einer technischen Oberschule in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) mit zwei Revolvern Amok. Er verletzt zwei Lehrer und zwei Mitschüler und erschießt sich dann selbst. Der jugendliche Amokläufer habe offenbar aus Zorn über einen Schulverweis zur Waffe gegriffen.
16. April 2007: Ein Amokläufer erschießt in der Technischen Universität in Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia 32 Studenten und Lehrkräfte. Beim Eintreffen der Polizei nimmt sich der 23 Jahre alte Englischstudent aus Südkorea das Leben.
12. Oktober 2006: Der Fahrer eines Milchwagens erschießt im Bundesstaat Pennsylvania fünf Mädchen in einer Amish-Schule. Der 32-Jährige tötet die Kinder mit Kopfschüssen. Als Polizisten die Schule stürmen, bringt er sich um.
21. März 2005: Ein 16-Jähriger erschießt in einem Indianerreservat im US-Bundesstaat Minnesota zunächst seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin. Anschließend tötet er in der Red Lake High School fünf Schüler, einen Sicherheitsbeamten und eine Lehrerin. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei tötet sich der Junge selbst. Der Teenager war ein Hitler-Bewunderer mit Kontakten zu einer Neonazi-Gruppe.
20. April 1999: Zwei mit Sturmgewehren bewaffnete US-Schüler töten in der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach erschießen sich die Täter selbst. (dpa)
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