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Nach Bombenfund in Bonn
Auf der Spur der Phantome
Steffen Hebestreit
Nach dem Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof haben die Ermittler offenbar zwei von drei gesuchten Männern identifiziert.
Foto: REUTERS
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Polizei und Bundesanwaltschaft glauben, zwei der Bombenleger vom Bonner Hauptbahnhof identifiziert zu haben. Sie sollen radikalen islamistischen Kreisen im Rheinland angehören. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert mehr Videokameras an öffentlichen Plätzen.

Die Bundesanwaltschaft vermutet die Urheber des Sprengstoffanschlags vom Bonner Hauptbahnhof in radikalen islamistischen Kreisen im Rheinland. Die Ermittler sollen inzwischen zwei von drei Männern identifiziert haben, die im Zusammenhang mit dem gescheiterten Bombenanschlag vom vergangenen Montag gesehen werden.

Mehrere Zeugen wollen inzwischen den dunkelhäutigen Mann erkannt haben, nach dem seit Dienstag mit einem Phantombild gesucht wird. Es soll Abdirazak B. sein. Genau jener Deutsch-Somalier, der bereits im September 2008 gemeinsam mit seinem Freund Omar D. am Flughafen Köln/Bonn verhaftet worden war, weil er im Verdacht stand, sich in ein Terrorausbildungslager nach Somalia absetzen zu wollen.

Die Sicherheitsbehörden waren bislang der Auffassung, B. halte sich noch in Somalia auf und habe sich dort der radikalislamischen Schabaab-Miliz angeschlossen. B. soll weiterhin in Kontakt zu Omar D. stehen. D. wiederum war bereits einen Tag nach der Tat in einem Bonner Internet-Café vorübergehend festgenommen worden. Die Anhaltspunkte gegen ihn ließen sich bislang aber nicht erhärten.

Diskussion um Totalüberwachung

Ebenfalls identifiziert scheint jener Mann, der auf einer kurzen Videosequenz zu sehen ist, die aus einem Schnellrestaurant des Bahnhofs stammt. Dabei soll es sich nach unterschiedlichen Berichten um einen deutschen Konvertiten handeln, der aus Nordrhein-Westfalen stammt.

Dieser Mann soll den Sprengsatz zum Bahnhof gebracht und dort seinem dunkelhäutigen Komplizen übergeben haben. Diese Übergabe soll auf einer weiteren Videosequenz aus dem Bahnhof zu sehen sein, die bislang von der Polizei aber nicht veröffentlicht worden ist. Zunächst hatte es geheißen, man wisse nicht, welche Rolle der Mann von dem Phantombild bei dem Anschlag gespielt habe.

Auf Kritik ist Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am Sonntag mit seiner Forderung nach einer Ausweitung der Videoüberwachung auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen gestoßen. „Der reflexhafte Ruf nach einer Ausweitung der Videoüberwachung bringt keine Lösung“, sagte die innenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Gisela Piltz. Sie verwies darauf, dass es im Bonner Hauptbahnhof solche Videokameras gegeben habe, sich die Täter davon aber offensichtlich nicht hätten abschrecken lassen.

Ihr SPD-Kollege Michael Hartmann warnte ebenfalls vor einer Totalüberwachung. „Dadurch wird nirgendwo an Sicherheit gewonnen“, sagte der Sozialdemokrat.

Die Deutsche Bahn und die Bundespolizei wiesen sich gegenseitig die Schuld dafür zu, dass keine Videoaufnahmen von der Anschlagszeit auf dem Bonner Hauptbahnhof existierten. Zwar gibt es mehrere Kameras an dem Bahnhof, die Aufnahmen werden jedoch in der Regel nicht gespeichert. Während die Polizei die Weigerung der Bahn, mehr Kameras in Bahnhöfen zu installieren, kritisierte, verwies der Konzern darauf, dass die Polizei selbst entscheide, welche Aufnahmen gespeichert würden.

Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen wäre der Sprengsatz in Bonn, selbst wenn der Zünder funktioniert hätte, wohl nicht explodiert, sondern hätte eher eine Stichflamme verursacht. Die Konstrukteure der Bombe, die sich allem Anschein nach an eine Anleitung gehalten haben, die sie von einer Internetseite von Al Qaida heruntergeladen hatten, hätten glücklicherweise einige Fehler beim Zusammenbau des Sprengsatzes gemacht. Verletzte hätte es aber geben können.

SALAFISMUS
In Deutschland wird der Salafismus als die am schnellsten wachsende und wegen ihrer Radikalität besonders gefährliche Strömung des Islam eingestuft.
Sicherheitsbehörden schätzen die Zahl der Salafisten auf etwa 4000. Das Ideal ist für ihre Anhänger ein Gottesstaat, in dem es keine „vom Menschen erfundenen“ Gesetze gibt, sondern in dem das islamische Rechtssystem, die Scharia, gilt.
Kerngedanke ist die wortwörtliche Interpretation des Korans. Anhänger anderer Religionen, Atheisten oder Muslime, die den Koran und den Islam anders interpretieren, landen der salafistischen Ideologie zufolge für alle Zeiten in der Hölle. Die westliche Lebensweise wird abgelehnt, eine strikte Geschlechtertrennung propagiert und Homosexualität als schwere Sünde betrachtet.
Die Bewegung der Salafiyya (arabisch für: Orientierung an den Altvorderen) galt Anfang des 20. Jahrhunderts als islamische Reformbewegung. Ihre Anhänger orientierten sich an der Zeit des Propheten Mohammed und lehnten spätere Auslegungen der muslimischen Religionsgeschichte ab.
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