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Gefährliche Hunde
„Lasst die Rasseliste endlich fallen“
Thomas Stillbauer
Sabine Urbainsky leitet das Tierheim in Fechenheim und ist Expertin für Hunde beim Tierschutzverein in Frankfurt.
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Die Frankfurter Tierheimleiterin Sabine Urbainsky spricht im FR-Interview über gefährliche Hunde und das Problem am anderen Ende der Leine.

Sabine Urbainsky leitet das Tierheim in Fechenheim und ist Expertin für Hunde beim Tierschutzverein in Frankfurt.

Frau Urbainsky, wie viele Listenhunde leben momentan hier bei Ihnen im Tierheim?
Etwa 30, alle zusammengezählt.

Behandeln Sie die besonders?
Nein. Das sind einfach Hunde wie alle anderen.

Was halten Sie von der Einstufung „gefährlicher“ Hunderassen auf einer Liste?
Nix. Im Ernst: Es gibt keinen Grund, wegen eines Vorfalls auf die Gefährlichkeit einer ganzen Hunderasse zu schließen.

Sie meinen den Angriff eines Pitbulls und eines Staffordshire-Terriers im Jahr 2000 in Hamburg. Ein Kind starb, der Umgang mit sogenannten Kampfhunden änderte sich radikal.
In der Zeit danach wurden immer wieder Kinder und auch Erwachsene von Hunden gebissen – aus allen Rassen. Jeder Hund, wenn er etwa Kniehöhe erreicht, kann fest zubeißen. Es ist nicht wahr, was immer wieder behauptet wird, dass der Pitbull oder der Staffordshire eine Beißkraft von einer Tonne hätten. Es ist auch an den Haaren herbeigezogen, dass ihre Zähne wie bei einem Hai immer wieder nachwachsen.

So etwas erzählt man sich?
Ja, und dass der Pitbull eine Sperre im Maul hat: Wenn er einmal zugebissen hat, kann er nie wieder loslassen. Das ist natürlich blödsinnig. Das sind Hunde wie alle anderen. Der Labrador hat genau die gleiche Beißkraft.

Lässt sich ein Hund anhand der Rasse überhaupt als gefährlich einstufen?
Jein. Herdenschutzhunde wie der Kaukase oder ein Abruzzen-Schäferhund sind auch liebe Tiere, aber spezielle. Das sind ja Arbeitstiere, die gezüchtet werden, damit sie selbstständig die Herde vor Wölfen beschützen. So ein Hund ist in einer engen Wohnsiedlung einfach fehl am Platz. Da fehlt ihm die Aufgabe, und dann ergreift er auch Besitz von seinem Territorium, da kann es schon zu Problemen kommen. Manche Leute legen sich jetzt Ausweichrassen zu wie den Dogo Canario, der auch als Beschützer von Haus und Hof gilt …

... und nicht auf der Liste steht .
… wenn der erwachsen wird, kann es durchaus Schwierigkeiten geben. Das heißt nicht, dass das Tier grundsätzlich aggressiv ist – das sind Rasseeigenschaften, wie auch der Schäferhund die Hüteeigenschaft hat. Wachsamkeit halt. Wenn ich in das Territorium eintrete, ist er da und beschützt.

Haben Sie eine Veränderung durch die erhöhte Steuer für sogenannte gefährliche Hunde festgestellt? Sind bei Ihnen mehr Listenhunde abgegeben worden?
Abgegeben nicht. Eher sichergestellt wegen nicht erfüllter Auflagen. Die Leute denken, sie werden nicht erwischt – aber dann geschieht es natürlich doch und dann kommen die Hunde zu uns.

Was heißt „erwischt“?
Dass der Hund nicht angemeldet ist. Die Besitzer von Listenhunden müssen ja ein Kärtchen bei sich tragen, dass der Hund angemeldet ist, dass er einen Wesenstest hat und sie selbst ihre Sachkunde nachgewiesen haben. Sonst wird der Hund sichergestellt. Die hocken dann nicht hier bei uns, weil sie selbst etwas angestellt haben; meistens läuft das Problem am anderen Ende der Leine.

Sind viele dieser Hunde nicht angemeldet?
Auf jeden Fall. Die Dunkelziffer ist hoch.

Wird das nicht kontrolliert?
Listenhunde werden immer kontrolliert, da kann ich in Frankfurt sicher sein, dass ich aufgehalten werde. Aber bei einem Labrador interessiert das kaum einen, ob der angemeldet ist.

Kommt es vor, dass Leute bei Ihnen Hunde abgeben, weil sie die Steuer nicht mehr bezahlen können?
Ganz selten. Die meisten überlegen sich schon vorher, ob sie sich einen Listenhund leisten können, der in Frankfurt 900 Euro Steuern kostet. Viele wissen nicht, dass sie durch eine Begleithundeprüfung diese Steuer enorm verringern können, auf 225 Euro im Jahr.

Die Stadt hat gesagt, die hohe Steuer soll Leute abschrecken, sich gefährliche Hunde zuzulegen. Was halten Sie davon?
Wenn ich als Stadt solche Aktionen fahre, fördere ich die Illegalität. Dadurch besorgen sich Leute, die dafür eher nicht geeignet sind, solche Hunde ohne Anmeldung. Die ordentlichen Hundehalter melden sie ja sowieso an – man schafft also nur unnötigerweise eine Illegalität.

Merken Sie einem Hund den Charakter gleich an?
Nein. Tierheim ist ja immer eine besondere Situation, das ist Stress – der kommt hier rein, sieht die anderen Hunde, riecht die Gerüche. Das dauert schon zwei, drei, vier Tage, einen Hund richtig einzuschätzen. Das braucht viel Erfahrung. Unsere Tierpfleger fahren dafür regelmäßig auf Seminare.

Wovon hängt es ab, ob ein Hund lieb oder böse ist?
Das fängt schon beim Welpen an. Wenn der Hund mit vier Wochen von der Mutter getrennt und in einen Schuppen gesperrt wird, weil der Züchter meint, der muss hart sein – dann hat der Hund einen Knacks. Und wir haben später viel Arbeit, ihm wieder Vertrauen zu vermitteln. Dagegen ist sie hier …

… ihre junge Shar-Pei-Beagle-Mischung …
… die Freundlichkeit pur, die freut sich über alles, die hat halt nie was Schlechtes erlebt. Es kommt immer darauf an, wie ich meinen Hund aufziehe. Das ist wie beim Menschen auch.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf die Listenhunde?
Dass Hessen die Rasseliste endlich fallen lässt. Niedersachsen zum Beispiel hat so etwas gar nicht, da gibt es den Hundeführerschein. Sinnvoller ist, das einzelne Individuum zu beurteilen. Dann fällt auch die Illegalität wieder weg.

Rechtslage Nicht jedes Bundesland führt eine individuelle Rasseliste. Niedersachsen und Schleswig-Holstein verzichten darauf. Bayern und Baden-Württemberg sprechen nicht von Listenhund, sondern Kampfhund.
Liste In Hessen wird neun Rassen und deren Kreuzungen Gefährlichkeit unterstellt: Pitbull-Terrier oder American Pitbull Terrier, American Staffordshire-Terrier oder Staffordshire Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier, American Bulldog, Dogo Argentino, Kangal (Karabash), Kaukasischer Owtscharka, Rottweiler.
Gestrichen Gestrichen wird eine Rasse, die innerhalb von vier Jahren nicht gebissen hat und deren Durchfallquote bei der obligatorischen Wesensprüfung unter drei Prozent liegt. Das waren: Bandog, Bordeaux Dogge, Bullmastiff, Mastin Espanol, Tosa Inu, Mastiff, Mastino Napolitano sowie Fila Brasileiro. Neu auf die Liste kam 2008 der Rottweiler.
Erlaubnis Voraussetzung für die Erteilung einer Erlaubnis zum Halten eines solchen Hundes ist der Nachweis einer Sachkunde des Halters sowie einer positiven Wesensprüfung für den Hund. Viele Kommunen erheben spürbar erhöhte Steuern für Listenhunde. jur
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