HOME SPORT
ÜBERSICHT | EINTRACHT FRANKFURT | BASKETBALL | BOXEN | EISHOCKEY | MOTORSPORT | GOLF | HANDBALL | LEICHTATHLETIK | PFERDE | RAD | SEGELN | TENNIS
Werbung
Handball-WM Frankreich
Die letzte große Bühne
Michael Wilkening
Dehnen für den letzten Coup: Thierry Omeyer, Torwart.
 Foto: AFP
Werbung

Frankreichs Goldene Generation strebt bei der Handball-WM den Titel an. Mit einem lockeren 31:16-Sieg gegen Brasilien gelingt der Mannschaft der Turnierauftakt.

Die Spielstätten sind rausgeputzt, die Mannschaft erfahren und bereit, ihre Nation mit Stolz zu erfüllen: Frankreichs Handballer sind gestern mit einem lockeren 31:16-Sieg gegen Brasilien in die Weltmeisterschaft im eigenen Land gestartet. Der sechste Titel soll der Abschluss für die große Generation werden, die ihren Sport eine Dekade lang dominierte.

Nikola Karabatic wollte seine Nation, seine Mannschaft und sich selbst noch einmal ein Stück größer machen, als er mit dem französischen Team zum dritten Mal hintereinander in einem olympischen Finale stand. Doch der Superstar des Handballs konnte nicht mehr. Sein Körper war ausgelaugt, die Muskeln und der Kopf waren nicht mehr in der Lage, zu funktionieren. Einigen seiner Teamkameraden, viele von ihnen wie Karabatic älter als 30 Jahre, ging es genauso. Deshalb gewann Dänemark in Rio de Janeiro die Goldmedaille – Karabatic und den Franzosen blieb nach den Olympiasiegen 2008 und 2012 nur Silber.

Karabatic wurde den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht. Er hatte Jahre zuvor einen Satz geprägt, der ihn und die französische Mannschaft auf dem Handballfeld perfekt beschreibt: „Finals spielt man nicht, Finals gewinnt man.“ In der Psychologie wird diese Herangehensweise „Selbsterfüllende Prophezeiung“ genannt. Das bedeutet, dass exakt das eintritt, was man sich selbst dauerhaft vorhergesagt hat. Jahrelang wirkte es so, als sei schon vor dem Anpfiff eines großen Endspiels entschieden, dass am Ende die Franzosen siegen würden. Zumindest solange die große Generation der Franzosen in ihrer Blüte stand.

In der Future Arena in Rio endete die Siegesserie der Franzosen, weil selbst sie nicht in der Lage waren, die Gegenwart endlos zu verlängern, die Dominanz in den großen Spielen gebrochen. Und aus diesem Grund soll die Weltmeisterschaft im eigenen Land und dem damit verbundenen Heimvorteil mit dem Titelgewinn der krönende Abschluss für die erfolgreichste Nationalmannschaft in der Geschichte ihrer Sportart werden.

Nicht nur Spielmacher Karabatic hat die goldene Generation geprägt, auch Torhüter Thierry Omeyer oder Rückraumspieler Daniel Narcisse waren Eckpfeiler der Mannschaft, die 2009, 2011 und 2015 Weltmeister wurde, 2006, 2010 und 2014 die Europameisterschaft gewann und sich zwei Mal die Krone als Olympiasieger aufsetzte. „Wir alle haben noch ein Ziel, wir wollen vor unseren Fans Weltmeister werden“, sagt Omeyer, der inzwischen 40 Jahre alt ist. Vermutlich hätte „Titi“ seine internationale Karriere bereits nach den Spielen von Rio beendet, wenn nicht ein halbes Jahr später die Heim-WM stattfinden würde. Gleiches gilt auch für den 37-jährigen Narcisse.

Weil sich neben den großen Drei auch Schlüsselspieler wie Kreisläufer Cedric Sorhaindo (32), Rechtsaußen Luc Abalo (32) oder Linksaußen Michael Guigou (34) als langjährige „Gehilfen“ im Herbst ihrer Karriere befinden, fühlen sich die Titelpläne der Franzosen wie ein letztes Aufbäumen des Anführers im Wolfsrudel an, ehe er von den jungen Wölfen weggebissen wird. „Wir spüren immer noch die Gier in uns, wir sind nicht alt“, erklärt Karabatic, 32, an dem nach 13 Jahren Leistungssport auf dem höchsten Niveau Abnutzungserscheinungen unübersehbar sind. Der Anführer weiß, dass nichts weniger als der Titel von der Mannschaft erwartet wird. Einmal noch.

Die Bühne für die letzten Auftritte der französischen Helden wird groß sein. Wenn die Handballer sich im Achtel- und Viertelfinale auf den Weg zur Medaillenrunde in der Hauptstadt Paris machen, werden im Fußballstadion von Lille so viele Menschen live dabei sein wie nie zuvor bei einem WM-Spiel. Schon jetzt sind annähernd 20 000 Karten für die Duelle abgesetzt, so dass die bisherige Bestmarke von der WM in Deutschland, als 20 500 Besucher in der Kölnarena Zeuge des deutschen Triumphes wurden, übertroffen werden wird. „Wir gehen davon aus, dass die Partien mit 27 500 Zuschauern ausverkauft sein werden“, sagt Verbandspräsident Joel Delplanque.

Delplanque glaubt an eine großartige WM, denn das Interesse in Frankreich ist vor dem zweiten Großereignis nach der Fußball-EM im vergangenen Sommer binnen eines Jahres groß. Das Fußball-Großereignis soll den Handballern zudem helfen, drohenden Terrorgefahren sinnvoll entgegenzuwirken. „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Delplanque und verweist auf die guten Erfahrungen während der EM 2016. Eine Verbesserung soll es dennoch geben, denn nachdem die Fußballer das Endspiel verloren, sollen die Handballer den Titel im Land behalten.

Ohne Kapitän Nach dem Tod seines Vaters ist der Einsatz von Kapitän Uwe Gensheimer im WM-Auftaktspiel der deutschen Handballer weiter fraglich. Die Mannschaft von Bundestrainer Dagur Sigurdsson reiste am Mittwoch ohne den Linksaußen ins nordfranzösische Rouen, wo am Freitag (17.45 Uhr) die Partie gegen Ungarn steigt. „Uwe hat alle Zeit der Welt. Die Entscheidung trifft er ganz alleine“, sagte Teammanager Oliver Roggisch vor der Abfahrt. Eine Prognose, ob und wann Gensheimer zur Mannschaft stößt, gebe es nicht. „Wir sind in engem Kontakt mit ihm, aber es gibt noch keinen neuen Stand“, sagte Roggisch. Uwe Gensheimer hatte das Lager des Europameisters nach dem unerwarteten Tod seines Vaters bereits am Wochenende verlassen. sid
Werbung