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Arzneimittelversorgung
Zu wenig Medikamente in deutschen Kliniken
Daniel Baumann
Medikamenten-Produktion beim Pharma-Konzern Bayer.
Foto: dpa
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Die Deutsche Krankenhausgesellschaft schlägt Alarm wegen eines drohenden Versorgungsnotstands bei Arzneimitteln. Lieferengpässe bedrohen vor allem die Versorgung von Schwerkranken, wie die Befragung von rund 100 Kliniken zeigt. Auch die Politik nimmt das Thema mittlerweile ernst.

Die deutschen Krankenhäuser warnen vor einem drohenden Versorgungsnotstand, weil sich Engpässe bei Arzneimitteln häuften. Es bestehe „die Gefahr, dass bei einer weiteren Verschärfung der Situation die Versorgung von schwerstkranken Patienten mit den notwendigen Arzneimitteln nicht mehr sichergestellt werden kann“, heißt es in einem Papier der Deutschen Krankenhausgesellschaft für das Bundesgesundheitsministerium, das dieser Zeitung vorliegt.

Darin werden erstmals belastbare Zahlen zum Ausmaß der Lieferengpässe vorgelegt. Sie basieren auf einer repräsentativen Datenerhebung bei rund 100 Kliniken. Die befragten Krankenhäuser setzen zwischen 400 und 600 verschiedene Arzneimittel ein. Laut der Erhebung standen in einem Monat durchschnittlich vier bis sechs Prozent der Arzneimittel gar nicht oder in nicht ausreichender Menge zur Verfügung. In jedem fünften Fall mussten Patienten demnach auf therapeutisch nicht gleichwertige, also schlechtere Alternativpräparate umgestellt werden.

Für die Krankenhausgesellschaft sind das „alarmierende Ergebnisse“. Am häufigsten von Lieferausfällen betroffen seien Arzneimittel zur Behandlung von Krebspatienten und Antibiotika sowie insgesamt Mittel, die intravenös verabreicht würden. Dazu zählt zum Beispiel auch injizierbares Aspirin, das zum Beispiel Notfallpatienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt gegeben wird.

Hersteller informieren nicht vorab

„Lieferengpässe haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen und betreffen vielfach lebenswichtige Arzneimittel, die zur Behandlung schwerster Erkrankungen zwingend benötigt werden“, heißt es in dem Papier. In 80 Prozent der Fälle seien die Arzneimittelengpässe plötzlich und ohne Vorabinformation der Hersteller aufgetreten.

Dass es noch nicht zu gravierenden Beeinträchtigungen in der Patientenversorgung gekommen sei, sei den Krankenhausapothekern zu verdanken, die mit großen Anstrengungen daran arbeiteten, Lieferengpässe zu kompensieren. Sie versuchen die Mittel im Ausland oder bei anderen Apotheken aufzutreiben. Gleichzeitig wägen sie nach Angaben des Verbandes Deutscher Krankenhausapotheker ab, welcher Patient ein Mittel wirklich dringend benötigt und bei wem womöglich ein alternatives Präparat ausreichend ist.

Für Krebspatienten werden zu Therapiebeginn Kontingente reserviert, um sicherzustellen, dass die Therapie beendet werden kann. Für nachfolgende Patienten bedeutet dies aber, dass für sie womöglich das beste Arzneimittel nicht zur Verfügung steht, sie mit einem Mittel zweiter Wahl behandelt werden oder der Therapiebeginn verschoben werden muss.

Gespräch im Ministerium

Das Thema wird mittlerweile auch in der Politik ernst genommen. Am vergangenen Dienstag hat das Bundesgesundheitsministerium Vertreter von Apotheken und Ärzteschaft zu einem Gespräch eingeladen. „Das Ministerium erkennt zunehmend die Brisanz des Themas und dass das nicht nur ein Nebenkriegsschauplatz ist“, berichtete ein Teilnehmer. Ein Gespräch mit den Arzneimittelherstellern soll folgen.

Diese räumen Probleme in der Arzneimittelversorgung ein. „Das System ist viel störanfälliger geworden. Es gibt einzelne Wirkstoffe, die man in ganz Europa nicht kaufen kann“, sagt der Geschäftsführer von Pro Generika, Bork Bretthauer. „Wir haben eine Marktverengung auf der Produktionsseite.“

Die Ursachen der Lieferausfälle sind vielfältig: Zu geringe Produktionskapazitäten, eine geringere Lagerhaltung entlang der Lieferkette, Probleme bei der Wirkstoffbeschaffung und höhere Anforderungen der Aufsichtsbehörden an die Herstellungsqualität. Hinzu kommen Produktionsstopps, die umso schwerer wiegen, wenn ein Produkt für den gesamten Weltmarkt nur in einer Fabrik hergestellt wird, was zunehmend der Fall ist. Sinkende Preise für bestimmte Arzneien können zudem dazu führen, dass der Hersteller seine Produktionskapazitäten lieber für die Herstellung lukrativerer Medikamente nutzt.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert nun ein zentrales Melderegister für Arzneimittel-Lieferengpässe, die gesetzliche Verpflichtung der Hersteller auf eine ausreichende Lagerhaltung von lebenswichtigen Arzneimitteln sowie ein zentrales Risikomanagement, um mit Rationierung und Produktionsausweitung frühzeitig auf drohende Engpässe reagieren zu können.

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