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Fusionen
Die Zukunft der Landwirtschaft
Daniel Baumann
Statt Menschen werden künftig Computer Traktoren steuern.
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Immer weniger Großkonzerne beherrschen den milliardenschweren Landwirtschaftssektor. Bayer, Monsanto & Co. werden immer mächtiger. Nach der Fusion der Saatgut- und Pestizidhersteller geht es um den 400-Milliarden-Dollar-Markt der Landmaschinen.

Elefantenhochzeit nennt man es, wenn sich große, mächtige Konzerne verbinden. Dieses Jahr bitten gleich mehrere Elefanten zum Tanz. Und wenn die Wettbewerbshüter die Feier nicht noch empfindlich stören, dann wird der globale Markt für Saatgut und Pflanzenschutzmittel in zwölf Monaten völlig anders aussehen. Denn dann wären aus den sieben bedeutendsten Konzernen der Branche vier geworden.

Der Leverkusener Bayer-Konzern will den US-Gentechnikspezialisten Monsanto kaufen. Preis: 57 Milliarden US-Dollar, plus die Übernahme von neun Milliarden Dollar Schulden. Der Pekinger Chemiekonzern Chem China beabsichtigt, die Basler Agrarfirma Syngenta zu kaufen. Preis: 43 Milliarden US-Dollar. Die US-Firmen Dow und Dupont werfen ihre Aktien zusammen und formen den Konzern DowDuPont. Dieser soll später in drei Unternehmen aufgeteilt werden, in einem davon wird das gesamte Agrar-Geschäft gebündelt.

„Am Ende würden drei Konzerne mehr als 60 Prozent der Märkte für kommerzielles Saatgut und für Agrarchemikalien beherrschen“, warnen die Autoren des am Dienstag veröffentlichten Konzernatlas. „Sie böten fast alle gentechnisch veränderten Pflanzen dieses Planeten an. Auch die meisten Anmeldungen für das Eigentum an Pflanzen beim Europäischen Patentamt entfielen auf diese drei Konglomerate.“ Die Unternehmen hätten zunehmend die Möglichkeit, „Produkte, Preise und Qualitäten zu diktieren“.

Erntegarantie für die Bauern

Der größte Elefant in diesem neuen Marktgefüge wäre Bayer. Nach der Übernahme von Monsanto würde das Unternehmen – gerechnet auf der Basis von Zahlen aus dem Jahr 2015 – 23,1 Milliarden Dollar Umsatz mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln machen. Chem China/Syngenta kämen auf 14,4 Milliarden Dollar. Die US-Firmen Dow und Dupont erreichten 14,6 Milliarden Dollar. Alleine übrig bliebe die Ludwigshafener BASF mit im Vergleich lapidaren 5,8 Milliarden Dollar Umsatz.

Für Bayer ergäbe sich damit eine hervorragende Ausgangsposition. „Ein Drittel des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und ein Viertel des Marktes für Pestizide formen den größten Agrarkonzern der Welt“, so der Konzernatlas. Das erklärt auch den hohen Preis für Monsanto. Entstehen soll schließlich eine „führende Innovationsmaschine für die nächste Generation Landwirtschaft“, wie es in den Übernahmeunterlagen heißt. Bauern sollen Lösungen aus einer Hand angeboten werden.

Während Bayer bisher zwei Drittel seines Umsatzes mit Arzneien für Mensch und Tier sowie anderen Gesundheitsprodukten macht, soll der Konzern künftig zur Hälfte ein Gesundheitskonzern und zur Hälfte eine Agrarproduktefirma sein (Grafik).

Die Gewichtsverschiebung hat strategische Gründe. Bayer erwartet, dass der globale Markt für Saatgut- und Pflanzenschutz bis 2020 auf ein Volumen von 120 Milliarden US-Dollar anschwellen wird. 2015 hatte der Markt noch eine Größe von 85 Milliarden US-Dollar. Als Gründe dafür nennt das Unternehmen die laut Vereinten Nationen bis 2050 auf zehn Milliarden Menschen wachsende Weltbevölkerung, die dadurch schrumpfende Anbaufläche pro Kopf und die in der Folge erforderlichen Produktivitätssteigerungen. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels, die neue Lösungen für die Bauern erforderten.

Bayer und Monsanto werden zusammen einen Großteil des landwirtschaftlichen Geschäfts abdecken können. Von der Saatgutentwicklung über den Pflanzenschutz bis hin zur digitalen Unterstützung der Bauern bei Anbauentscheidungen.

Welche Saat sollen Landwirte ausbringen? Wie viel Dünger braucht es? Welche Pestizide sollen wo eingesetzt werden. Der neue Konzern bietet dazu eine komplexe Datenanalyse an. Dazu werden historische Erntedaten, satelliten- und sensorgestützte Feldbeobachtung, Wetterdaten und Bodenproben verknüpft und ausgewertet.

Die langfristige Vision des Konzerns ist, den Bauern nicht mehr einzelne Produkte zu verkaufen, sondern Resultate, zum Beispiel eine garantierte Erntemenge. Das kann für die Landwirte von großem Nutzen sein, sie drohen damit aber auch zu einem Anhängsel der Agrarkonzerne zu werden. Denn Bayer/Monsanto ist natürlich nicht das einzige Unternehmen, das diese Strategie verfolgt.

„Bei diesen Deals geht es nicht nur um Saatgut und Pestizide“, sagt Pat Mooney von der Nichtregierungsorganisation ETC Group, die auf das globale Agrargeschäft spezialisiert ist. Die jetzigen Deals seien nur das Vorspiel zu weiteren Fusionen. „Die zweite Runde wird ein Showdown zwischen den Agrochemie-Konzernen und den Landwirtschaftsmaschinenherstellern.“ Dann gehe es um die Kontrolle über den gesamten 400 Milliarden Dollar schweren Markt für Zuliefererprodukte für Bauern.

Die Landwirtschaftsmaschinenhersteller arbeiten mit Bayer & Co. schon seit geraumer Zeit zusammen. Dabei geht es um das sogenannte „Precision Farming“, also das zielgenaue Ausbringen von Saat und Pestiziden. Maschinen wie die von John Deere sind längst mit Satelliten verbunden und erfassen haarklein, wo was versprüht und wie viel dort später geerntet wird. Gemeinsam versucht man, die Ernte für den Bauern zu optimieren. Die Anknüpfungspunkte sind also gegeben. Die Möglichkeit für Fusionen besteht. Dann würden die Konzerne noch mächtiger.

Saatgut Die Bauern sind im Prinzip nicht auf das Saatgut der Konzerne angewiesen. Sie könnten auch die Samen aus ihrer eigenen Ernte für die darauffolgende Aussaat verwenden. In Afrika stammen noch immer bis zu 90 Prozent des Saatguts aus der eigenen Erzeugung. Doch weltweit gibt es Bemühungen, diese Selbstversorgung einzuschränken. Der kommerzielle Saatgutmarkt wächst rasant. Hatte er 1985 ein finanzielles Volumen von 18,1 Milliarden US-Dollar, so waren es 2012 schon 44 Milliarden. Gleichzeitig stieg der Marktanteil der zehn größten Saatgutfirmen von weniger als einem Drittel im Jahr 1996 auf über 75 Prozent. db
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