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Sargfabrikant Michael Jagdt
Gestorben wird immer
Michael Jagdt ist einer der letzten großen Sargfabrikanten Deutschlands.
Foto: Markus Wächter / Waechter
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Michael Jagdt ist einer der letzten großen Sargfabrikanten Deutschlands. Ein Gespräch über Trauer und Tabus, Geld und die Konkurrenz aus Osteuropa

Wenn sich Michael Jagdt beruflich noch einmal neu orientieren müsste, er würde ganz sicher in der Holzbranche bleiben. Jagdt mag den Geruch von Harz und frischen Spänen. Es sei der Duft seiner Kindheit. Der Betrieb seines Vaters war für ihn das zweite Spielzimmer. Mit Särgen sei er groß geworden, sagt er und lacht. Jagdt ist ein bemerkenswert fröhlicher Mensch. Dafür, dass er gewissermaßen ständig den Tod vor Augen hat. Der 47-Jährige ist Berlins einziger Sargfabrikant und einer der letzten großen in Deutschland, wo statistisch jeden Tag 1 219 Frauen und 1 118 Männer sterben. Arbeit gibt es also genug. Eigentlich.

Herr Jagdt, wissen Sie schon, wie Sie sich von dieser Welt verabschieden werden?

Das geht wohl schlecht. Wenn es vorbei ist, bin ich tot. Verabschieden werden sich die, die zurückbleiben.

Aber so ganz unbeteiligt sind Sie ja auch nicht.

Ich habe mich damit bisher wenig beschäftigt. Ich neige aber zu einer Erdbestattung. Wäre schön, wenn möglichst viele Freunde meiner Familie dabei wären.

Und wie wird der Sarg aussehen?

Weiß nicht. Ich habe jedenfalls keinen Lieblingssarg, wenn Sie das wissen wollen. Außerdem ist der Sarg bei einer Bestattung nicht das Einzige. Es geht doch darum, wie meine Angehörigen und Freunde die Trauer des Abschieds ausdrücken wollen und auch Trost finden können. Dazu sollte der Sarg passen.

Was sagen Sie eigentlich, wenn einer wissen will, was Sie beruflich machen?

Dass ich einen Holzverarbeitungsbetrieb führe.

Klingt schön. Sie sind aber kein Tischler, der sich daran erfreuen kann, dass an seinem Möbel vielleicht über Jahrzehnte gegessen und getrunken wird. Särge werden gemacht, um vergraben oder verbrannt zu werden. Ist das nicht bedauerlich?

Nein. Dafür schaffe ich etwas, das für ein einmaliges und sehr emotionales Ereignis bestimmt ist. Eine Bestattung lässt sich ja schlecht wiederholen. Wenn die Leute mit dem Sarg für die Trauerfeier zufrieden sind, dann kann ich mich auch daran erfreuen.

Wie lange hält ein Sarg unter der Erde?

Das hängt von dem jeweiligen Friedhofsboden ab, auch von der Feuchtigkeit dort. Es ist sogar von Bedeutung, wie die Totengräber das Grab verfüllen. Letztendlich können wir aber das, was unter der Erde passiert, nicht mehr beeinflussen.

Ist das Holz entscheidend?

Ja, es hat Einfluss. Generell kann man natürlich sagen, dass härtere Holzarten länger halten als weichere. Auf manchen Friedhöfen, auf denen die Liegefrist nur zwölf Jahre beträgt, werden deshalb zum Beispiel nur noch Pappel- statt Eichensärge zugelassen. Die Friedhofsverwaltung befürchtet, dass die Särge sonst nach dieser Zeit noch nicht verrottet sind und sie Probleme mit der Entsorgung bekommt. Aber eigentlich ist die Haltbarkeit der Särge heute im Vergleich zu früher nur noch selten ein Kriterium.

Sondern?

Das Angebot, die persönliche Betreuung und ganz besonders natürlich das Budget.

Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat also eine weitere der letzten Tabuzonen erobert?

Das ist so. Die Budgets sind kleiner geworden und anders als noch vor 20 Jahren ist der Wettbewerb bei den Beerdigungsinstituten angekommen. Früher haben Angehörige vor einer Bestattung nie Angebote eingeholt und Preise verglichen. Wenn einer beim Bestatter über die Schwelle trat, war der Firma der Auftrag sicher. Heute wägen die Menschen immer sorgfältiger ab, ob die Sargauswahl und die Art der persönlichen Ansprache zu ihnen und zu ihrem Portemonnaie passen.

Aber gestorben wird immer. Kann man das so sagen?

Ja. Deshalb machen sich Konjunkturkrisen bei uns auch weniger bemerkbar. Dafür steckt unsere Branche in einer tiefen Strukturkrise. Die Sarghersteller in Deutschland sind wie die Textilindustrie ein Opfer der Globalisierung.

Dabei stehen Ihrer Branche doch gute Zeiten bevor. Derzeit sterben in Deutschland jährlich rund 850000 Menschen. Wegen der demografischen Entwicklung werden es in 15 Jahren eine Million Menschen sein.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Schon jetzt werden in Deutschland nur noch höchstens 200000 Särge produziert. Der erwartete Umsatzzuwachs ist gering, wenn gleichzeitig die zu erzielenden Preise für Särge immer weiter schrumpfen. Ich schätze, dass es wegen des internationalen Wettbewerbs in zehn oder 15 Jahren in Deutschland nur noch zwei, drei nennenswerte Sarghersteller geben wird. Die Särge kommen dann fast ausschließlich aus Osteuropa.

Ist uns die Fähigkeit zur Trauer abhanden gekommen?

Das ist komplizierter. Es sterben immer mehr Menschen in Heimen statt zu Hause. Oft sind sie in den letzten Lebensjahren dement. Das bedeutet, dass der Abschied der Angehörigen schon weit vor dem Tod beginnt. Die emotionale Bindung schleicht sich in kleinen Schritten davon, und im Todesfall ist der Verlust dann nicht mehr so groß. Hinzu kommt, dass die Pflege irrsinnig viel Geld kostet. Wenn Angehörige das über viele Jahre leisten, bleibt oft kaum noch was für ein Grab und einen Sarg. Andererseits gibt es auch Leute, die für ein Begräbnis einfach so wenig Geld wie möglich ausgeben wollen.

Wie macht sich das in Ihrer Sargfabrik bemerkbar?

Teurere Modelle sind kaum noch gefragt. Eichensärge waren einmal unsere Bestseller. Mittlerweile verkaufen wir davon vielleicht noch 500 Stück im Jahr. Wir produzieren zwar nach wie vor ein breites Sortiment aus klassischen, modernen bis hin zu postmodernen Särgen, aber heute sind wir vor allem ein Hersteller für einfachste Särge. Von den 25000 Särgen, die wir jährlich ausliefern, sind 20000 Särge, die nur den Grundanforderungen genügen. Bei einem Teil dieser Särge ist es den Hinterbliebenen tatsächlich völlig egal, wie der Sarg aussieht.

Schockiert Sie das?

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Aber es ist bedauerlich.

Zugleich profitieren Sie davon.

Nein, das kann man nicht sagen. Die Zeiten des Profits sind spätestens seit der Streichung des Sterbegelds vorbei. In den 80er-Jahren gab es zumindest im Westen bis zu 4800 Mark. Damals konnte ein Sarg oft nicht teuer genug sein. Wir können heute damit leben, weil wir uns durch die Entwicklung des Lignoboard-Sargs darauf eingerichtet haben.

Wie sieht dieser sogenannte Lignoboard-Sarg aus?

Es ein schlichter Sarg, der nicht mehr aus einem Vollholz besteht, sondern aus einem Verbundmaterial, das wir zusammen mit Krematorien und Bestattern entwickelt haben. Das ist eine Art Faserplatte aus zerfaserten Resthölzern, Sägemehl und Sägespänen.

Was Sie da beschreiben ist doch kein Sarg, sondern eine Kiste!

Es ist ein Sarg, und der ist vor allem ein Transportbehältnis, in dem der Verstorbene vom Sterbe- zum Beisetzungsort transportiert wird. Das ist die Grundanforderung, für die hierzulande traditionell ein Sarg aus Holz benutzt wird. Insofern haben wir mit diesem Sarg schon ein Tabu gebrochen, zugegeben. Und bis heute sind wir in Deutschland die einzigen, die solche Särge produzieren.

Ist ein Pressspan-Sarg nicht würdelos?

Ich weiß, dass unsere Branche gern mit dem Begriff Würde operiert. Ich kann damit nicht viel anfangen. Eine Bestattung kann gefühllos sein. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, wie ein Sarg aussieht oder aus welchem Material er ist. Billig ist nicht schlecht und teuer nicht gut.

Hat es Sie Überwindung gekostet, diesen Schritt zu gehen?

Klar, so leicht war das nicht. Aber ich bin gern ein Hersteller. Es wäre einfacher, Särge aus Polen oder Tschechien zu importieren und hier zu verkaufen. Dafür brauche ich aber den Betrieb nicht, der auch 25 bis 30 Familien ernährt. Produktion und Handwerk würden dann wegfallen und mit Ihnen ein Großteil meiner Mitarbeiter, die im Schnitt seit mehr als 15 Jahren im Betrieb sind.

Nun steht aber selbst solch ein Billigsarg beim Bestatter mit bis zu 500 Euro in der Liste. Wer verdient eigentlich am meisten am Sarg?

Bei mehrstufigen Vertriebswegen ist die Gewinnspanne immer am Ende der Kette am größten.

Glauben Sie, dass Ihr Betrieb zu den paar Sargfabriken gehören wird, die überleben?

Ich denke schon. Mit unseren Einfachsärgen sind wir gewissermaßen aus der Herde der Lemminge, die auf den Abgrund zulaufen, herausgetreten, um uns hinten wieder anzustellen. Diese Särge werden vor allem in Krematorien eingesetzt. Ich sehe da einen echten Wachstumsmarkt.

Das ist zumindest ehrlich. Es gab Fälle, in denen teure Särge kurz vor der Verbrennung gegen ein Billigmodell ersetzt wurden, um die wertvollen Särge dann noch einmal verkaufen zu können.

Ich kenne die Fälle auch. Das ist beschämend.

Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland erstmals mehr Feuer- als Erdbestattungen. Woran liegt das?

Ich kann da nur vermuten. Es wird vielleicht eine Rolle spielen, dass wir flexibler und mobiler geworden sind. Kinder leben oft nicht mehr dort, wo ihre Eltern wohnen. Dadurch wird die Grabpflege schwierig. Außerdem hat die Zahl der Krematorien in Deutschland enorm zugenommen. Vielfach sind sie privatgeführt, machen sogar aggressiv Werbung. So haben sich um die Feuerbestattung auch neue Bestattungsformen wie die Baum-, Luft- und Diamantbestattung entwickelt. Die altmodische Erdbeisetzung auf einem kommunalen oder kirchlichen Friedhof steht im Moment da wie ein welkes Mauerblümchen.

Auch, weil sie teurer ist?

Natürlich. Allein schon wegen der größeren Friedhofsfläche, die ein Sarg beansprucht. Die Preise für Friedhofsgräber sind über Jahre gestiegen. Das macht die Erdbeisetzung immer unattraktiver.

Sie sagten, Sie hätten Ihren Einfach-Sarg zusammen mit Krematorien entwickelt. Welche Anregungen kamen denn vor dort?

Unter anderem sollte sich der Sarg ökologisch sauber verbrennen lassen und auch einen ausreichenden Brennwert bieten.

Einen ausreichenden Brennwert?

Sicher. Für die Verbrennung des Leichnams sind 900 Grad nötig. Liefert der Sarg dabei nicht einen ausreichenden Brennwert, entstehen dem Krematorium erhebliche Mehrkosten für Energie, die den Auftraggebern in Rechnung gestellt werden.

Will man das wissen?

Nein. Eigentlich nicht.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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